Schlussapplaus in Sturmstärke

ESCHWEGE. … Das Junge Theater Eschwege unterhielt die mehreren hundert Zuschauern zweieinhalb Stunden lang mit dem haarsträubenden Durcheinander, das sich über einen Nachmittag und einen Abend in einem einsam gelegenen, nebelumhüllten Haus irgendwo in der englischen Landschaft abspielte. Ein Szenario fast wie in einem Krimi von Agatha Christie. Nur dass dieses Haus supermodern ist – eine eher scheußliche “harmonische Verbindung von Raum, Flächen und Ebenen” -, die Ausstattung funktionell- steril und die Begebenheiten alles andere als kriminell. Mit “Ein toller Dreh”, wie die Komödie heißt, ist dem Autorengespann Anthony Marriott und Alistair Foot ein tolles Stück in der bewährten englischen Boulevard-Tradition gelungen, in dem alles auf einen einzigen Zweck gerichtet ist, den Zuschauer zum Lachen zu bringen.

Keine sentimentalen Anwandlungen, keine moralischen Betrachtungen trüben das reine Vergnügen. Das Stück besteht ausschließlich aus (überwiegend) witzigen Dialogen und vor allem auf viel “action” und Situationskomik. Und wie bei den klassischen Stücken von Feydeau herrscht auch eine gewisse verrückte Logik, die diese turbulente Handlung zusammenhält. Das erwähnte “Glanzstück moderner Architektur” soll verkauft, dem potentiellen Käufer-Ehepaar bei der Besichtigung des Objekts ein trautes Heim mit heilem Familienleben vorgespielt werden. Eine Schauspielerin als bestellte “Ehefrau” des ledigen Verkäufers muss also her. Und damit nimmt das heillose Durcheinander seinen Anfang. Natürlich werden weitere Personen mehr oder weniger unberufen erscheinen und die Verwirrung – und damit die Komik – ins Unermessliche steigern, zumal in diesem “tollen Dreh” hemmungslos gelogen und simuliert wird – bis im allerletzten Augenblick der anscheinend unentwirrbaren Knoten durchgeschnitten wird und die Handlung einigermaßen zu einem “Happy-End” kommt.

Karin Perels, die zusammen mit Sebastian Perels auch die Organisation und Gesamtleitung übernahm, hat diese dankbare Vorlage temporeich und – besonders wichtig bei einem Stück, in dem es auf genaues Timing ankommt – exakt inszeniert. Was auf der Bühne der Stadthalle an diesem Samstag ablief, war die bemerkenswerte Leistung eines Laienensembles, dem man immer neben dem großen Engagement die reine Freude am Theatermachen ansah.

Oliver Thielemann war ein prachtvoller George Pitt, der Verkäufer und angehender Po- litiker. Es war ausgesprochen amüsant zu erleben, mit welcher Leichtigkeit dieser “Laie”, der noch nicht oft vor Publikum gestanden hat, seine Rolle gestaltete: ein reaktionsschneller Kerl, der sich mit entwaffnender Natürlichkeit und den dicksten Lügen – aus den brenzligsten Situationen herauswand. Kathrin Fydrich als seine “Ehefrau” Melanie stand ihm hilfreich zur Seite – mit Charme und Phantasie.

Neben diesem Paar als Angelpunkt des tollen Drehs lieferte Bernd Engelhardt eine besonders gute Leistung. Als Anwalt David Prosser, der Verlobte der Melanie, spielte er sensibel und unaufdringlich und dabei ungeheuerlich komisch die lächerliche Rolle des misstrauisch-eifersüchtigen Liebhabers. Und auch die übrigen Akteure und Akteurinnen, das Cooper-Paar Carsten Trappe und Michaela Orschlik, das Grey-Paar Sebastian Perels und Gaby Rogols und die Singles Tatiana Fydrich, Karin Arndt, Evi Jeanrond und Chri- stof Siebert brachten viel Leben und Spaß in die durchaus geglückte Auffürung – wobei alle von einem “traumhaften” Publikum getragen wurden, das lauthals lachte und vor Vergnügen quietschte und am Schluss Applaus in Sturmstärke spendete.

(Werra Rundschau, Eschwege, 03.04.1995, F. Pujiula)

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